Schleiz –
Wo die Wände Ohren hatten und zur Arbeit auch Duschen, Backen und Gartenfeste mit Polonäse gehörten
Die Volkssolidarität Oberland hebt den Erinnerungsschatz der Ehemaligen |
Gute Gespräche bei Schleizer Baisertorte sollen nun öfter stattfinden
Schleiz. „Hier wurden in der ersten Zeit Patienten geduscht!“ Was Ingrid Grziwa aus der Anfangszeit der Volkssolidarität Schleiz in der Hofer Straße 7 wusste, war für die heutigen Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle des Wohlfahrtsverbandes neu. Tatsächlich gibt es im ersten Stock, gleich neben der Treppe, ein Bad mit Dusche und Badewanne, das allerdings seit vielen Jahren als Abstellkammer genutzt wird. Die einstige Arztvilla, 1938 von Dr. med. Werner Bartz eingeweiht, war zu DDR-Zeiten Sitz der „Stasi“, des Ministeriums für Staatssicherheit. 1990 wurde bei einer Montagsdemonstration der Ruf „Stasi raus, Rentner rein“ laut. Der Runde Tisch beschloss es und so hatten seit 1991 nach dem Umbau die Wände keine Ohren mehr. Und in der Anfangszeit der Sozialstation der Volkssolidarität wurden Patienten, die zu Hause keine Dusche hatten, in der Sozialstation geduscht.
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„Ihre Erinnerungen sind sehr wertvoll, danke, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind“, sagte Geschäftsführerin Corina Schönbach zur Begrüßung. Bei Kaffee und Schleizer Baisertorte wurden von fünf langjährigen Mitarbeiterinnen und Geschäftsführer Thomas Hofmann (2000 – 2022) Erinnerungen ausgetauscht. „Hier war unser Frühstücksraum“, erklärte Hofmann im Büro der heutigen Geschäftsführung. „Ich hab in fast jedem Raum in diesem Haus mal mein Büro gehabt“, erinnert sich Angelika Döllinger. Sie war 29 Jahre lang als Leiterin des Klubs der Volkssolidarität in Schleiz tätig, der in den Jahren von 1991 bis 1998 sein Domizil in dieser Villa hatte.
Über mehrere schöne Feste auf der Wiese direkt neben dem Haus der älteren Bürger – ein großes Zelt war aufgebaut, es gab Kaffee, Kuchen, Bratwurst und jeweils ein buntes Programm – sogar eine große Polonäse über das ganze Gelände, wurde gesprochen; über Frauentags- und Weihnachtsfeiern sowie gemeinsame Wanderungen der Mitarbeiter und das regelmäßige Kuchenbacken für die Senioren.
Auch der enorme persönliche Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kam zur Sprache. „Wisst ihr noch, als wir vor der Eröffnung in Wurzbach alle mit gemalert und sauber gemacht haben?“ fragte Ingrid Grziwa in die Runde. Alle Anwesenden erinnerten sich genau: 1994 wurde in Wurzbach das Senioren-Wohnen in den einstigen FDGB-Objekten am Oßlaberg eröffnet. „Wir sind auch selbst mit in die Hauswirtschaft gegangen, wenn Leute gefehlt haben“, erinnert die Neundorferin, die damals in der Verwaltung und später viele Jahre im Reisedienst der Volkssolidarität tätig war.
„Ich war 1990 einige Monate arbeitslos und habe als Clubleiterin trotzdem weitergearbeitet, jeden Tag. Ich wollte, dass es weiter geht“, erinnert die damalige Clubleiterin Angelika Döllinger an die ganz besondere Zeit der Deutschen Wiedervereinigung. „Am Agnesfeld gab es eine eigene Küche, wo die Volkssolidarität das Essen für die Senioren gekocht und von da aus ausgeliefert hat“, bestätigt Thomas Hofmann, der frühere Lehrer, der 1994 nach einer Zusatzausbildung als Sozialpädagoge im Programm „Arbeit statt Sozialhilfe“ bei der Volkssolidarität seine Arbeit aufgenommen hatte, 22 Jahre Geschäftsführer war und heute Mitglied des Vorstandes ist.
Abkürzungen wie ABM, LKZ, 249-h flogen sozusagen über den Tisch der Ehemaligen. ABM waren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, mit LKZ waren Arbeitsverhältnisse mit Lohnkostenzuschuss vom Arbeitsamt gemeint; 249-h-Maßnahmen – waren in den 1990er Jahren Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, die die große Arbeitslosigkeit abfedern sollten.
Christine Klose, die langjährige Pflegedienstleiterin in Schleiz, erinnerte, dass die damalige Vorsitzende der Volkssolidarität, Kurtina Fickert, für mehrere ehemalige Gemeindeschwestern und Mitarbeiterinnen des Gesundheitswesens einen gemeinsamen Termin beim Arbeitsamt organisiert hatte. 1991 nahm der Pflegedienst der Volkssolidarität mit diesen Fachkräften/Fachfrauen seine Arbeit in der Sozialstation in der Hofer Straße 7 auf.
An die Möbelbörsen in Saalburg und Schleiz, die die Volkssolidarität in den 1990er Jahren betrieb, wurde ebenso lebhaft erinnert wie an den Bau des Kinderkurheims Lückenmühle, an den Mut zu großen Investitionen, an frühere Chefs und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Aktivitäten der Volkssolidarität im Oberland in besonderer Weise prägten und an Ferienlager. Diese gab es im Austausch mit der damaligen Volkssolidarität auf der Insel Rügen: Kinder aus Thüringen verbrachten ihre Ferien an der Ostsee – die Kinder von der Ostsee kamen nach Thüringen. Ingrid Grziwa berichtet, dass sie bis in die heutige Zeit von damaligen Ferienkindern angesprochen werde – „wissen Sie noch, ich war damals mit im Ferienlager?“
Vorbei ist die Zeit, als die Volkssolidarität mehrere tausend Mitglieder in der Region hatte. Allein in Schleiz gab es vier Ortsgruppen, Ingrid Grziwa leitete davon eine Ortsgruppe mit 120 Mitgliedern. Seit nun schon 20 Jahren ist Angelika Müller ehrenamtliche Vorsitzende der verbliebenen Ortsgruppe Schleiz, die aktuell 34 Mitglieder hat und sich in schöner Regelmäßigkeit zu Veranstaltungen trifft. Geschäftsführerin Corina Schönbach lobte das liebevoll vorbereitete Sommerfest der Ortsgruppe im Juli dieses Jahres.
Auch der einstige Frauenchor der Volkssolidarität in Gefell wurde aus der Erinnerungs-Schatzkiste geholt sowie eine bemerkenswerte Ortsgruppe in Weitisberga, die eine Schreib-AG gegründet und ein Büchlein mit Kurzgeschichten veröffentlicht hatte. Ob es von den „Koseltalblüten“ noch Exemplare gibt? Am Tisch der Ehemaligen konnte die Frage nicht beantwortet werden. Aber bis zum nächsten Treffen soll es herausgefunden werden, kündigte Thomas Hofmann an.
Das nächste Treffen soll dann in der neuen Geschäftsstelle der Volkssolidarität Regionalverband Oberland stattfinden – im Gebäude am Neumarkt 18. „Wir wollen bis zum Jahresende umziehen“, kündigte Geschäftsführerin Corina Schönbach an.
Brit Wollschläger
Volkssolidarität Regionalverband Oberland e.V.
Foto: Brit Wollschläger

